Laufen oder gehen?

 

Haben wir es eigentlich immer nur noch eilig? Leben wir nur noch in Hektik und Ungeduld? Oder warum sagen wir immer „laufen“ wenn wir „gehen“ meinen? Laut Duden gibt es beide Verben, keines ist zugunsten des anderen abgeschafft. Da muss es dann doch wohl auch unterschiedliche Bedeutungen geben. Keine Frage: Wir alle kennen den Unterschied, aber warum unterscheiden wir im Sprachgebrauch nicht? „Ich lauf noch zum Bäcker“ ist angebracht, wenn in wenigen Minuten beim Bäcker Ladenschluss ist. Sollte es nicht so eilig sein, wäre „ich geh noch zum Bäcker“ präziser. Nun ja, Sprache entwickelt sich. Da kommt kein Sprachdiktator daher und bestimmt, dass das Wort „gehen“ nicht mehr benutzt werden darf, oder, dass „laufen“ eine neue Bedeutung hat. Vielmehr schleift sich ein geänderter Sprachgebrauch einfach so ein. Und warum? Weil es Mode ist, weil „alle“ es so machen. Eine gute Entwicklung ist das nicht. Zum Vergleich: Seit einigen Jahren ist es auch Mode, Jeans mit Löchern (vorrangig an den Knien) zu tragen. Die Jeans wurden nicht per Gebrauch zerschlissen, sondern so gekauft und waren vielleicht teurer als unbeschädigte. Als schön oder praktisch empfindet das wahrscheinlich kaum jemand, aber man „muss“ sich wohl dem Trend anpassen.

 

Zurück zum Sprachgebrauch. Noch nicht sehr alt ist die Unsitte, in gefühlt jedem zweiten Satz „tatsächlich“ einzufügen, ohne dass dieser Einschub irgendeine Bedeutung hätte. Wenn ich sage, „die Sonne scheint sich um die Erde zu drehen, tatsächlich dreht sich aber die Erde um die Sonne“, leitet das Wörtchen einen Gegensatz ein. Ebenso verhält es sich mit dem Satz, „der Wetterdienst hatte Regen angesagt, tatsächlich ist heute noch kein Tropfen gefallen“. Wenn eine Vermutung oder Vorhersage sich bestätigt hat, ist es ebenfalls gerechtfertigt, „tatsächlich“ zu verwenden. Ohne einen Gegensatz oder einen Grund, etwas zu bestätigen, hat das Wörtchen keinen Aussage-Wert und ist daher fehl am Platz. Ein bedeutungsloses „tatsächlich“ wird aber nicht nur umgangssprachlich oft eingeschoben, selbst Radio- und Fernseh-Korrespondenten beugen sich diesem Trend, obwohl sie es besser wissen müssten.