Hier geht's um Staat und Kirche, um Verantwortung, Werte, Arbeit und Einkommen sowie auch um Fußball

Verantwortung vor Gott?


Die Fundamente des christlichen Glaubens, sowohl die biblischen Texte als auch die kirchliche Tradition, halten einer statischen Prüfung nicht stand. Der Gott des Alten Testaments war zunächst als (verheirateter) Stammesgott gedacht, neben dem viele Götter anderer Stämme als ebenbürtig angesehen wurden. Der Osterglaube – an Jesu Auferstehung und seine Erlöserfunktion – ist nicht auf Jesus selbst zurückzuführen. Niemand weiß, ob es Gott gibt und schon gar nicht, wer oder was er/sie ist. Die biblischen Mythen und Legenden taugen jedenfalls nicht zur Begründung unserer Wertvorstellungen. Ohne durch göttliche oder biblische Autorität abgesichert zu sein, sollte ein entscheidender Wert als allgemeinverbindlich gelten: Wir müssen – mit oder ohne religiösen Glauben – Verantwortung übernehmen für eine nachhaltige Entwicklung der Welt. Das bedeutet: Jeder Einzelne sollte sich in die politischen Entscheidungsprozesse einmischen. Damit diese Aufforderung nicht abstrakt bleibt, habe ich einige Beispiele politischer Ziele angeführt, für die es sich zu engagieren lohnt: Verbesserung der Gewaltenteilung durch eine Änderung im Wahlsystem, Erhaltung der inneren Pressefreiheit, UNO-Weltpolizei statt nationalem Militär, kritische Begleitung des Weltgeschehens sowie Arbeit und Einkommen für alle. Zum letztgenannten Beispiel bietet das Buch ein mit Zahlen untermauertes Konzept, das soziale Netz durch die Gesamt-Wirtschaft statt nur durch Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu finanzieren. Dazu gehört der Vorschlag, zwischen Arbeitgeber und Beschäftigungsstelle (nach dem Muster der Zeitarbeit) zu trennen und alle Menschen quasi im öffentlichen Dienst anzustellen. Eine Kurzfassung des Konzepts ist hier zu lesen.

Aus dem Vorwort des Buchs:

„Auf der Suche nach dem Sinn wird Homo sapiens weiter nach Gott fragen“, schreibt der Journalist und Autor Martin Urban in seinem Buch „Warum der Mensch glaubt“. Das mag so sein, aber weder die Bibel noch die christliche Tradition beantworten die Frage nach dem Sinn des Lebens. Der historische Wahrheitsgehalt der Bibel ist nicht größer als der des Nibelungenlieds. Wer oder was Gott sein könnte, wissen die Autoren der Bibel so wenig wie jeder andere Mensch. Was Jesus gesagt und gewollt hat, lässt sich allenfalls annäherungsweise aus dem Neuen Testament herausfiltern. Die Fundamente der christlichen Religion sind äußerst wackelig, und was in 2.000 Jahren darauf aufgebaut wurde, hält einer statischen Überprüfung nicht stand.
Darüber ist eigentlich schon genug geschrieben worden, aber: Die Erkenntnisse von Theologen, Philosophen, Archäologen und Historikern bleiben weitgehend Fachwissen, beim Kirchenvolk kommen sie kaum an. Die Ausführungen über den christlichen Glauben sind in diesem Buch nicht als Beitrag zur Ergänzung des vorhandenen Fachwissens geschrieben; vielmehr richten sie sich vorrangig an Nicht-Fachleute. Das Buch ist nicht in missionarischer Absicht gegen Bibel, Christentum und Kirchen entstanden, sondern mit der Zielrichtung, Informationen anzubieten und Überlegungen zur Diskussion zu stellen, die nicht durch die Brille christlichen Glaubens eingefärbt sind.

An drei Fakultäten der evangelischen Theologie habe ich mir meinen zunächst von der Kindheit her bewahrten biblischen Glauben wegstudiert. Danach bin ich aus der Kirche ausgetreten und habe mich etwa drei Jahrzehnte lang keinen Deut um Religion, Kirchen und Theologie gekümmert. Mich hat aber beschäftigt, dass ich viele Menschen aller Bildungsschichten getroffen habe, die sehr unterschiedlich mit ihrem Glauben umgingen. Einige hielten den Glauben für eine Selbstverständlichkeit, andere hatten gewisse Zweifel, ohne den Glauben grundsätzlich in Frage zu stellen, wieder andere bezeichneten sich als ungläubig, beteten aber bei Beerdigungen das Vaterunser mit oder schickten ihre Kinder in eine katholische Schule. Natürlich habe ich auch Menschen getroffen, die ihren Glauben völlig abgelegt hatten. In den meisten Fällen sah ich eine Gemeinsamkeit: Menschen aller Glaubens- und Unglaubens-Schattierungen wussten sehr wenig darüber, was sie eigentlich glaubten, warum sie glaubten oder warum sie nicht glaubten. Solchen Zeitgenossen möchte ich mit diesem Buch eine Hilfestellung an die Hand geben, die biblischen und kirchlichen Botschaften zu hinterfragen.
Vorab sei schon so viel gesagt: Niemand braucht ein schlechtes Gewissen zu haben, weil er nicht oder nicht ganz mit dem christlichen Glauben übereinstimmt. Wenn es den Gott christlicher Vorstellung gibt und er uns mit Verstand ausgestattet hat, wird er wohl auch gewollt haben, dass wir den Verstand benutzen.
Wer die biblischen Gottes-Vorstellungen nicht für sich übernehmen kann, muss deshalb noch kein Atheist sein. Und die Frage nach dem Sinn des Lebens muss nicht zwangsläufig mit der Vorstellung von einer Gottheit im Zusammenhang stehen. Diese Frage beschäftigt Atheisten ebenso wie Gläubige aller Schattierungen. Im letzten Drittel des Buchs, wo es weniger um Bibel und Religion geht, spielt die Frage nach dem Sinn des Lebens eine Rolle. Ein Gottesbezug ist dabei weder vorausgesetzt noch ausgeschlossen.

Sowohl mit als auch ohne religiösen Glauben kann es ein ansteuerbares Ziel sein, sich bei privaten, politischen und gewerblichen Überlegungen am Wohlergehen der Menschheit zu orientieren und auch nach neuen Lösungen zu suchen. Der christliche Glaube ist dabei nur insofern störend, als er mit der Hoffnung auf ein jenseitiges Heil das diesseitige Leben und unsere Verantwortung für die Welt nicht ernst nimmt. Was Verantwortung bedeuten kann, habe ich anhand einiger Beispiele in Form von gesellschaftspolitischen Vorschlägen zu verdeutlichen versucht. Vielleicht können sie dem einen oder der anderen Leser/in behilflich sein, selbst dem Leben einen Sinn zu geben. Gleichzeitig möchte ich diese Vorschläge zur Diskussion stellen.