Hier geht's um Staat und Kirche, um Verantwortung, Werte, Arbeit und Einkommen sowie auch um Fußball

Staat - Kirche - Fußball

Exposé

„Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, ... hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“ So steht es in der Präambel unseres Grundgesetzes. Wie kann ein Volk sich vor Gott verantworten, wenn seine Mitglieder ganz unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wer oder was Gott sein könnte bzw. ob es ihn oder sie überhaupt gibt?

Wie es tatsächlich um den Glauben in der Bevölkerung steht, wird mit Hilfe vorhandener Studien dargelegt. Die kirchlichen Glaubensvorgaben machen nur einen Teil des Spektrums aus. Viele Menschen haben selbstgezimmerte Vorstellungen.

Um herauszufinden, welche Einstellungen hinsichtlich Religion und Kirchen in der Politik zu Hause sind,  habe ich online eine Umfrage bei den Abgeordneten des Bundestags und der Landtage durchgeführt. 70 Prozent der Abgeordneten beten an vier Tagen der Woche, also öfter als jeden zweiten Tag. Damit übertreffen sie die Allgemeinheit.

Der Umfrage zufolge lassen die Abgeordneten sich bei ihren politischen Entscheidungen nur durchschnittlich zu 2,5 Prozent von religiösen Überzeugungen leiten. Diese Selbsteinschätzung wird mit der Praxis konfrontiert. Anhand der Beispiele Präimplantationsdiagnostik, Beschneidung von Knaben, Schächtung und Totenruhe wird gezeigt, wie stark Religionen die Politik beeinflussen.

Staat und Kirchen sind Vertragspartner. Die Beispiele Kirchenfinanzen und Papstbesuch im Bundestag verdeutlichen, dass der Staat sich als schwächerer Partner erweist. Ebenso fühlen sich offenbar die Vertreter der vierten Staatsgewalt den Kirchen verpflichtet.

Die Organisationsformen und Selbstverständnisse von Staat und Kirchen passen nicht zueinander. Der Staat versteht sich als Demokratie, die Kirchen sind hierarchisch aufgebaut (katholische Kirche) oder zumindest obrigkeitsorientiert.

Besonders verdeutlicht die Personalpolitik die missionarische Zielrichtung der kirchlichen Wohlfahrtspflege. Der Staat hat in Form von Sonderrechten seinen Segen zum kirchlichen Verhalten gegeben.

Unser demokratisch organisierter Staat hofiert die obrigkeitsorientierten und weitgehend autoritär strukturierten Kirchen. Das kann man kaum besser ausdrücken Andrea Nahles, die, als sie als SPD-Generalsekretärin war, in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 24.1.2010 ihre Überzeugung preisgab, der Papst sei „der Chef vom Ganzen“.

Die der Demokratie nicht förderliche Struktur der Kirchen ist ein Thema, mit dem Politiker sich beschäftigen sollten. Noch wichtiger ist die Frage nach den Grundlagen der kirchlichen Botschaften. Der christliche Glaube stützt sich auf die Bibel als „Heilige Schrift“, die angeblich Gottes Wort beinhaltet. Nach verbreiteter Auffassung waren die Verfasser der Texte von Gott, vom Heiligen Geist, inspiriert. Verschiedene Quellen der Überlieferung sind zusammengeflossen.

Sowohl das Alte als auch das Neue Testament liefern  keinen Grund, anzunehmen, die Erzähler und Verfasser der biblischen Texte hätten vom göttlichen Geist erfahren, was sie überliefern sollten. Nach Ansicht der katholischen Kirche sollen die Bibel und die anschließende Überlieferung innerhalb der Kirche gleichermaßen Quellen des Glaubens sein. Auch bei Letzterem beruft sich die Kirche auf Inspiration durch den Heiligen Geist. Wenige Beispiele aus der Kirchengeschichte reichen für den Verdacht, der Heilige Geist könnte da vielleicht versagt haben.

Wie kommt die Hierarchie der Glaubensvermittler zustande? Hat der Heilige Geist Bischöfe und Kardinäle mehr erleuchtet als einfache Priester? Wer verfügt über die kirchliche Macht? Die Funktion und das damit verbundene Rollenverständnis machen den Unterschied.

Welche Kompetenz unterstellt man eigentlich den Kirchenvertretern die zu Rate gezogen werden, wo immer es um gesellschaftspolitische Fragen geht? Theologie ist keine Über-Wissenschaft, sondern eine Wissenschaft mit Glaubens-Vorgaben. Und die Bibel gibt keine Antworten auf Fragen, die vor 2.000 Jahren noch nicht gestellt wurden.

Das Glaubensbekenntnis hält einer kritischen Überprüfung nicht stand. Und damit fällt das ganze christliche Glaubensgebäude in sich zusammen.

Die Abgeordneten bestimmen die Regeln für unser Zusammenleben, und in dieser Funktion sollten sie keine gemeinsame Sache mit denen machen, die uns die Existenz von Himmel und Hölle weismachen, die uns vorschreiben wollen, an Marias Jungfräulichkeit und ihre Himmelfahrt zu glauben, die sich anmaßen einen allmächtigen Gott zu vertreten, in seinem Namen „Wahrheiten“ zu verkünden, Entscheidungen zu fällen und Sünden zu vergeben.

Kann Fußball ein Religions-Ersatz sein? Es gibt viele Parallelen in Fußball und Religion. Zentral sind die Gemeinschafts-Emotionen wie beim Fußball, so auch in der Religion. 70 Prozent der Bundes- und Landtagsabgeordneten, die an meiner Umfrage teilgenommen haben, bekennen sich als Fußball-Interessierte. Bei den Abgeordneten ist Fußball weder eine Alternative noch ein Ersatz für Religion. Die Fußballinteressierten outen sich als die „besseren“ Gläubigen.

Beiden emotionalen Orientierungen liegt ein gemeinsamer Kern zugrunde: die Illusion. Wenn Politiker für diese Illusionen empfänglich sind, nährt das den Verdacht, sie könnten auch in anderen Zusammenhängen emotional beeinflussbar sein. Sie könnten beispielsweise zu leichtgläubig Argumente von Lobbyisten übernehmen.

Die Volksvertreter sind Menschen wie du und ich. Wir dürfen keine Wundertaten von der Politik erwarten. Daraus folgt eine Verpflichtung für alle Bürgerinnen und Bürger: Selbst Verantwortung übernehmen, sich einmischen im Interesse des Gemeinwohls.  Für die Werte, an denen wir uns politisch und privat orientieren, benötigen wir keine göttliche Autorität.

Die Verständigung fast aller Regierungen auf das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung, in der wirtschaftliche und ökologische Anliegen bei weltweit sozialer Gerechtigkeit im Gleichgewicht liegen sollen, ist zunächst eine Vorgabe von „oben“. Sie ist aber weitgehend „unten“ angekommen, und jetzt geht es darum, sie nach „oben“ zurückzureichen, damit sie auch dort ernst genommen wird.